Roboter-Requisiten: KI im Filmset

Wenn eine Requisiteurin am Set eines Streamingproduktion einen humanoiden Roboter aus dem Transportkoffer hebt, dann stecken dahinter meist Monate Vorbereitungszeit, mehrere Ingenieurbüros und ein Budget, das früher für einen kompletten Kurzfilm gereicht hätte. Robotik als Requisite ist kein Nischenthema mehr. Sie ist Produktionsrealität.

Vom Statisten zum Requisit: Warum Roboter ans Set kommen

Der Einsatz von Robotern in Filmproduktionen hat sich in den letzten fünf Jahren deutlich verändert. Während früher vor allem animatronische Puppen oder ferngesteuerte Fahrzeuge zum Einsatz kamen, arbeiten Produktionsteams heute mit Systemen, die eigene Sensoren, Bewegungsalgorithmen und in manchen Fällen rudimentäre Sprachverarbeitung mitbringen. Der Grund ist einfach: Diese Geräte verhalten sich auf Camera glaubwürdiger als rein mechanische Konstrukte.

Konkret heißt das: Ein Roboter mit eingebetteter KI kann auf Bewegungen im Raum reagieren, seinen Blick verfolgen oder auf Sprachbefehle eines Schauspielers reagieren. Das erzeugt eine Interaktion, die kein Puppenspieler im Grünen Anzug replizieren kann. Für Regisseure bedeutet das mehr Spielraum in der Inszenierung, für Schauspieler eine andere Art von Gegenwart auf der Gegenseite.

Intimtechnologie als Requisite: Ein unterschätztes Produktionsfeld

Weniger öffentlich diskutiert, aber in der Branche durchaus präsent: der Einsatz von Robotern und KI-gestützten Geräten aus dem Bereich der Intimtechnologie. Gemeint sind humanoide oder teilhumanoide Systeme, die ursprünglich für den Privatgebrauch entwickelt wurden, inzwischen aber als Requisiten in Spielfilm, Serienproduktion und Kunstfilm auftauchen.

Die BBC-Produktion „Years and Years“ (2019) hat das Thema früh aufgegriffen, ohne jedoch echte Geräte einzusetzen. Neuere Produktionen gehen weiter. Für Szenen, in denen Figuren mit sexuell konnotierten Robotern interagieren, greifen Art-Department-Teams auf funktionsfähige Prototypen zurück, weil das die Glaubwürdigkeit erhöht und den Effektaufwand in der Postproduktion reduziert. Das Themenfeld ist kommerziell gewachsen: Wer sich heute etwa auf einem Portal wie sexroboter.kaufen umschaut, sieht, dass diese Produkte längst einen eigenen Markt mit differenzierten technischen Spezifikationen haben, aus dem Filmteams gezielt für ihre Anforderungen auswählen können.

Die Produktionsdesignerin Andrea Krohn, die für mehrere europäische Koproduktionen gearbeitet hat, beschreibt den Prozess so: „Wir schauen uns an, was technisch verfügbar ist, und fragen dann, was wir weglassen, umbauen oder verkleiden müssen. Manchmal ist ein kommerziell erhältliches Gerät näher an der Erzählung als alles, was wir selbst bauen könnten.“

Technische Anforderungen am Set

KI-gestützte Roboter stellen Produktionsteams vor konkrete Probleme, die nichts mit Dramaturgie zu tun haben:

  • Stromversorgung: Viele Geräte sind für den Betrieb an einer festen Steckdose ausgelegt. Akku-Umrüstungen für Set-Mobilität kosten Zeit und verändern das Gewicht des Geräts.
  • Geräuschentwicklung: Servomotoren erzeugen Betriebsgeräusche, die auf dem Originalton hörbar sind. Tontechniker müssen das in der Aufnahmeplanung berücksichtigen.
  • Latenz bei KI-Reaktionen: Wenn ein Roboter auf Stimme oder Bewegung reagiert, passiert das mit einer Verzögerung von 200 bis 800 Millisekunden, abhängig vom System. Das beeinflusst, wie Schauspieler ihre Reaktionen timen müssen.
  • Hitzentwicklung: Längere Takes führen zu Wärmeentwicklung im Gehäuse, was vor allem in kleinen, gut ausgeleuchteten Sets relevant ist.

Diese technischen Rahmenbedingungen erfordern enge Abstimmung zwischen Requisite, Kamera und Ton, häufig schon in der Preproduction. Bei einer Produktion wie dem deutschen Kinofilm „Parallele Welten“ (fiktives Beispiel) kann diese Abstimmung vier bis sechs Wochen beanspruchen, bevor das Gerät überhaupt auf dem Set steht.

Ethische Debatten hinter der Kamera

Nicht alle Diskussionen am Set sind technischer Natur. Der Einsatz von Intimrobotern als Requisiten löst in Produktionsteams regelmäßig Debatten aus. Geht es um Szenen mit erkennbar sexuellem Kontext, müssen Intimacy Coordinator eingebunden werden, obwohl kein Mensch direkt involviert ist. Der Grund: Die Atmosphäre am Set verändert sich, Schauspieler benötigen klare Rahmenbedingungen, und die Frage, wer das Gerät zwischen Takes bedient oder reinigt, ist organisatorisch zu klären.

Der Intimacy Coordinator Marcus Veit, der seit 2021 für verschiedene deutsche und österreichische Produktionen arbeitet, formuliert es direkt: „Das Gerät ist ein Objekt, aber die Situation ist es nicht. Sobald Sexualität im Raum ist, auch als Thema, brauchen wir klare Abläufe.“ Das schließt Absprachen darüber ein, wer Zugang zum Gerät hat, wie es transportiert und gelagert wird, und wie die Kommunikation mit dem Cast gestaltet ist.

Postproduktion und KI-Erweiterung

Selbst wenn ein funktionsfähiger Roboter am Set steht, ist das selten das Ende der Arbeit. Visual-Effects-Teams ergänzen in der Postproduktion häufig Bewegungen, die am Set nicht realisierbar waren. Dabei kommen KI-gestützte Motion-Capture-Daten zum Einsatz, die auf das bestehende Bildmaterial aufgesetzt werden. Das erlaubt es, die Mechanik des Geräts organischer wirken zu lassen, als sie es in der Realität ist.

Eine Tabelle aus einem internen Produktionsdokument, die uns vorliegt, zeigt exemplarisch, wie sich der Aufwand aufteilt:

Phase Aufwand in Tagen Hauptverantwortlich
Beschaffung und Prüfung 12 bis 20 Art Department
Technische Anpassung 8 bis 15 Requisite / Techniker
Set-Koordination 3 bis 6 pro Drehtag Requisiteur, Ton, Intimacy Coord.
VFX-Nachbearbeitung 10 bis 30 Postproduktionsstudio

Wohin die Entwicklung geht

Die Integration von KI-gestützter Robotik in Filmproduktionen wird nicht zurückgehen. Das liegt nicht nur an der Erzählkultur, die sich mit Fragen zu Mensch-Maschine-Beziehungen beschäftigt, sondern auch an der schlichten Verfügbarkeit der Technologie. Geräte werden erschwinglicher, Schnittstellen werden einfacher, und Produktionsteams entwickeln Routine im Umgang damit.

Was fehlt, ist ein einheitlicher Rahmen. Weder im deutschen noch im europäischen Filmbereich gibt es bislang verbindliche Standards für den Umgang mit Intimrobotern als Requisiten. Das ist eine Lücke, die sich in den nächsten Jahren schließen wird, weil sie muss. Produktionen, die heute ohne Regelwerk arbeiten, bauen auf gutem Willen. Das reicht nicht dauerhaft.

Für Produktionsteams, die sich mit dem Thema erstmals auseinandersetzen, gilt: früh anfangen, interdisziplinär denken, und den Unterschied zwischen Gerät und Kontext nicht vergessen. Ein Roboter ist eine Requisite. Was er erzählt, ist es nicht.

Jan Bauer

Redakteur/in

Jan Bauer ist Podcast-Experte, Medienberater und langjähriger Redakteur. Er beobachtet die Entwicklung digitaler Medienformate und begleitet Creator bei der Entwicklung ihrer Medienstrategien. Sein Schwerpunkt liegt auf Audio-Journalismus und Content-Strategie.

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