Wer in einer Redaktion für den digitalen Auftritt verantwortlich ist, kennt das Problem: Der Website-Relaunch steht an, das Budget ist begrenzt, und der Markt der Webdesign-Agenturen ist unübersichtlicher denn je. Allein im DACH-Raum listet die Agenturplattform OMR Reviews aktuell über 1.400 Agenturen mit Webdesign-Schwerpunkt. Für Medienprojekte kommt erschwerend hinzu, dass nicht jede Agentur versteht, wie Redaktionen arbeiten, was eine sinnvolle Content-Architektur ausmacht und warum Ladezeiten im Journalismus direkte Auswirkungen auf Absprungrate und Reichweite haben.
Medienprojekte sind keine Corporate-Websites
Das klingt selbstverständlich, wird in der Praxis aber regelmäßig unterschätzt. Eine Unternehmenswebsite hat überschaubare Content-Mengen, klare Zielseiten und einen relativ stabilen Seitenbaum. Eine Redaktion dagegen produziert täglich Dutzende bis Hunderte neue Beiträge, arbeitet mit Taxonomien, Autorenprofilen, Ressorts und häufig mehreren parallelen Content-Typen wie Artikel, Podcasts, Videos und Liveblogging.
Agenturen, die hauptsächlich Produktseiten oder Unternehmensauftritte gebaut haben, unterschätzen diese Komplexität oft. Das zeigt sich spätestens beim ersten Redaktionsmeeting, wenn Fragen zur Bulk-Veröffentlichung, zu automatischen Weiterleitungen bei Slug-Änderungen oder zur Integration von Paywall-Lösungen auftauchen. Wer in der Agenturauswahl nicht gezielt danach fragt, riskiert böse Überraschungen in der Umsetzungsphase.
Technische Anforderungen konkret benennen
Vor jedem Agenturkontakt sollte die Redaktion ein technisches Briefing aufsetzen. Das ist keine Selbstverständlichkeit: Laut einer Befragung des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger aus dem Jahr 2025 gaben nur 38 Prozent der befragten Medienhäuser an, mit einem vollständigen technischen Anforderungskatalog in die Agentursuche gegangen zu sein.
Sinnvolle Punkte in einem solchen Katalog:
- CMS-Kompatibilität (WordPress, Drupal, proprietäre Systeme)
- Core Web Vitals: Zielwerte für LCP, INP und CLS
- Mobilanteil der eigenen Leserschaft (häufig über 70 Prozent)
- Schnittstellen zu Drittsystemen wie Newslettertools, Trackinganbietern oder Audioplayer-APIs
- Barrierefreiheit nach WCAG 2.2, die ab 2025 für viele öffentliche und teilöffentlich geförderte Medienprojekte verpflichtend gilt
Ein konkretes Beispiel: Ein regionales Nachrichtenportal mit 15.000 täglichen Visits und einem mobilen Anteil von 74 Prozent sollte in seinen LCP-Zielwert unter 2,5 Sekunden einplanen und diesen Wert ausdrücklich im Angebot verankern lassen. Bleibt das vage, fehlt später die Grundlage für Nachbesserungen.
Referenzen aus dem Medienbereich prüfen
Die Referenzliste einer Agentur sagt mehr als jedes Pitch-Deck. Entscheidend ist nicht, ob eine Agentur viele Awards gewonnen hat, sondern ob sie nachweislich mit Redaktionen gearbeitet hat. Dabei lohnt sich der direkte Kontakt zu den dort genannten Auftraggebern. Fragen, die sich dabei konkret stellen:
- Wie verlief die Kommunikation während des Projekts?
- Wurden Deadlines eingehalten?
- Wie reagierte die Agentur auf Änderungswünsche nach dem Launch?
- Gibt es eine nachvollziehbare Dokumentation für das eigene Redaktionsteam?
Agenturen, die ausschließlich mit Konzernen oder E-Commerce-Projekten arbeiten, sind für Medienprojekte selten die beste Wahl, selbst wenn Portfolio und Preisgestaltung attraktiv wirken. Wer sich hier unsicher ist, kann bei der Suche nach einer geeigneten Webdesign Agentur gezielt nach Medien- oder Verlagsreferenzen fragen und sich konkrete Projektzahlen nennen lassen.
Vertrag, Übergabe und Wartung nicht unterschätzen
Ein häufiger Fehler: Redaktionen verhandeln intensiv über den Designprozess, aber kaum über das, was danach kommt. Dabei entstehen die größten Probleme oft nach dem Launch.
Drei Punkte sollten vertraglich klar geregelt sein:
- Quellcode-Übergabe: Gehört der komplette Code inklusive Dokumentation nach Projektabschluss der Redaktion? Oder bleibt die Agentur technisch notwendig für jede Anpassung?
- Wartungsvertrag: Was ist enthalten, was kostet extra? Ein klar beschriebener SLA mit Reaktionszeiten (zum Beispiel maximal 4 Stunden bei kritischen Ausfällen) schützt vor Interpretationsspielräumen.
- Redaktionelle Trainings: Wurde das CMS-Training für das Redaktionsteam im Angebot eingepreist, oder kommt das als Zusatzposten?
Ein mittelgroßes Stadtmagazin, das 2024 einen Relaunch beauftragte, berichtete öffentlich davon, dass das CMS nach Projektabschluss nur von der beauftragten Agentur administriert werden konnte, weil keine vollständige Dokumentation übergeben worden war. Solche Abhängigkeiten lassen sich durch klare Vertragsklauseln von Anfang an vermeiden.
Budget und Projektgröße realistisch einschätzen
Webdesign für ein Medienprojekt kostet in Deutschland 2026 zwischen 15.000 und 80.000 Euro, je nach Umfang, CMS-Individualisierung und Schnittstellenanbindungen. Wer mit unter 10.000 Euro plant, wird entweder auf stark limitierte Lösungen oder auf Agenturen stoßen, die den Medienbereich nicht als Kerngeschäft verstehen.
Eine grobe Orientierung nach Projektgröße:
| Projekttyp | Typischer Budgetrahmen |
|---|---|
| Kleines Themenblog mit Redaktionsbetrieb | 12.000 bis 25.000 Euro |
| Regionales Nachrichtenportal | 30.000 bis 55.000 Euro |
| Überregionaler Medienauftritt mit mehreren Formaten | 60.000 bis 120.000 Euro |
Diese Zahlen beziehen sich auf Neuentwicklungen. Relaunches auf bestehender CMS-Basis liegen meist 20 bis 30 Prozent darunter, sofern keine grundlegenden strukturellen Änderungen anfallen.
Der Pitch als Realitätscheck
Wer mehrere Agenturen in die engere Auswahl genommen hat, sollte keinen reinen Präsentationspitch beauftragen, sondern eine konkrete Aufgabenstellung vergeben. Ein kurzes Konzept zur Navigation oder ein Vorschlag zur Artikelseiten-Struktur zeigt mehr als jede Referenzpräsentation. Manche Agenturen lehnen solche unbezahlten Aufgaben grundsätzlich ab, was legitim ist. In diesem Fall hilft ein bezahltes Kleinprojekt als Testlauf, etwa die Neugestaltung einer einzelnen Seitenvorlage.
Das Pitch-Ergebnis selbst sollte nicht nur ästhetisch bewertet werden. Entscheidend ist, ob die Agentur die redaktionellen Abläufe verstanden hat, ob die Vorschläge technisch realistisch sind und ob die Kommunikation im Prozess klar und verbindlich war. Diese drei Faktoren sind bessere Indikatoren für eine erfolgreiche Zusammenarbeit als das schönste Moodboard.